Masken, Macht & Taktik

Macht lässt sich nicht abschaffen

In modernen Organisationen und erwachsenen Beziehungen entsteht ein merkwürdiger Widerspruch:
Wir sprechen von Transparenz, Augenhöhe, flachen Hierarchien. Gleichzeitig wirken Macht, Geheimnis und taktische Manöver ungebrochen weiter.
Nur ohne Kulturtechnik.

Kinder testen ihren Einfluss sichtbar aus: im Spiel, im Streit, im Kräftemessen. Ein Kind nimmt Raum ein, testet Möglichkeiten, verheimlicht etwas oder wird laut. Und wenn es gesund ist: ohne etwas davon als "verwerflich" zu empfinden. Die Ordnung ist beweglich, sichtbar, verhandelbar.

Erwachsene tun dasselbe, nur eingezwängt in die Schablone des scheinbar zivilisierten Miteinanders.

Published
11/7/2025

Wir verleugnen uns selbst gegenüber unsere wahren Motivatoren und strategischen Absichten, und genau deshalb werden Machtbewegungen problematisch. Nicht weil sie „falsch“ wären, sondern weil wir in Verwechslungen und Wertekonflikten stecken und keinen anerkannten Umgang mit ihnen haben.

Das Ergebnis: Die Kommunikation wirkt „verrückt“.

Ein typisches Beispiel: Ein Projektmeeting, in dem formal Einigkeit herrscht und dennoch niemand wirklich entscheidet. Menschen ringen an der Oberfläche um Argumente, während subkommunikativ längst ganz andere Kräfte am Werk sind. Stellvertreterkonflikte entstehen: Diskussionen, die nicht das eigentliche Thema verhandeln, sondern die maskierten Taktiken, die niemand anspricht.


Die erste kulturelle Verwechslung: Gleichwertigkeit vs. Gleichheit

Die moderne Welt pflegt einen wertvollen Gedanken:
Jeder Mensch ist gleichwertig.
Doch daraus wird immer häufiger abgeleitet: Jeder ist gleich.

Das führt zu einem Massenkurzschluss:
Temporäre, naive oder angelernt-moderne Meinungen erhalten dasselbe Gewicht wie Expertise, Verantwortung oder Erfahrung.
Der Wunsch nach Gleichheit führt paradoxerweise zu Blockaden, weil niemand die natürliche Ordnung eines Kontextes anerkennen will. Diese würde nämlich festlegen, wer in Bezug auf ein bestimmtes Thema die größte Kompetenz hat, damit auch am besten führen kann, sein oder ihr Einfluss bzw. die Macht in diesem spezifischen Fall also hierarchisch am höchsten sein sollte.  

Hierarchie ist kein moralischer Makel.
Sie ist eine Kontextordnung – und sofern sie klar geführt wird, schließt sie Gleichwertigkeit selbstverständlich ein.
Nur wenn wir versuchen, Hierarchie zu beseitigen, entstehen Unsicherheit, verdeckte Machtkämpfe und endlose Aushandlungen, in denen niemand mehr weiß, wer oder was eigentlich führen soll.


Ist Macht unangenehm?

Macht ist nicht das, was Menschen sagen. Macht ist das, wie Menschen sind, lange bevor jemand spricht.

Sie zeigt sich in kleinen Bewegungen: im Tempo, im Ausweichen, im Setzen von Themen, im Halten oder Aufgeben von Raum. Diese Mikro-Dynamiken entscheiden darüber, wessen (vielleicht sehr leise) Stimme Gewicht hat und wessen laute Behauptungen den Ton nur scheinbar angeben. Kontextbezogene Macht ist in letzter Konsequenz unabhängig von zugeschriebenen Rollen.

Wenn Menschen versuchen, Machtbewegungen rational zu erklären oder psychologisch zu etikettieren, verlieren sie den Zugang zu dem, was tatsächlich wirkt: körperliche Wahrnehmung, energetische Verschiebungen, innere Echtzeit-Reaktionen.

Wenn Macht als „unangenehmes Gefälle“ empfunden wird, ist das oft ein Hinweis darauf, dass die natürliche Ordnungsstruktur eines Kontextes sich auf eine andere Art bemerkbar macht, als offiziell kommuniziert oder etikettiert. Dass zum Beispiel eine leise, häufig banalisierte oder unerkannte Stimme viel mehr Wahrheit, Führungsqualität und Gewicht hätte als die laute, offizielle. Das Dilemma der flachen Hierarchien versucht eben auch, genau dort anzusetzen. Nur, dass sie mit denselben Schablonen arbeitet, wie historische Hierarchie-Muster, diese lediglich umdreht oder einfärbt.


Masken als Spielformen: Kompetenz vor Moral

Kinder lernen Einfluss nicht durch Erklärungen, sondern durch Spiel. Sie schlüpfen in Rollen, werden Tiere, Monster, Heldinnen oder Fantasiefiguren. Sie nutzen Übertreibung, Täuschung, Verstecken, Überraschung aus Neugier. Sie testen Wirkung, Grenzen und Resonanz. Das Spielfeld ist surreal, körperlich, lebendig. Und vollkommen selbstverständlich.

Eigentlich verschwindet diese Spielfreude nicht, wenn wir erwachsen werden. Sie wird nur umetikettiert. Die Neugier auf das Unbekannte, auf Spannung, auf verdeckte Ebenen bleibt erhalten. Vielleicht gerade deshalb lieben wir Geschichten, Thriller, Verhandlungen, Machtspiele, Drama. Nichts ist langweiliger als vollständige, durchgehende Klarheit. Wo alles offenliegt, gibt es nichts mehr zu entdecken.

Maskierungen sind vor diesem Hintergrund keine Täuschung, sondern eine soziale Kompetenz. Uns ist intuitiv klar, dass wir nie unsere gesamte Persönlichkeit in einen Kontext mitnehmen. Wir wählen aus. Wir betonen. Wir lassen weg. Nicht aus Unehrlichkeit, sondern aus Intention. Der Bruch entsteht stattdessen dort, wo zwei weitere Aspekte miteinander verwechselt werden.

Die zweite Verwechslung: reine Absicht mit Transparenz. In westlichen Kulturen hat sich die Idee eingeschlichen, dass innere Sauberkeit bedeute, alles offenlegen zu müssen. Wer nichts zu verbergen hat, zeigt alles. Das ist nicht nur falsch, sondern in vielen Situationen naiv, langweilig oder sogar gefährlich. Transparenz ist kein moralischer Wert an sich, sondern eine kontextabhängige Entscheidung.

Der dritte Bruch ist ein Wertekonflikt. Wir erlauben uns offiziell nicht, listige, räuberische oder verdeckte Mittel zu nutzen, selbst dann nicht, wenn die Absicht klar, sauber oder konstruktiv ist. In dem Moment, in dem wir taktisch handeln, fühlen wir uns automatisch falsch. So entsteht der typisch westlich-naive Archetyp: gut gemeint, offen, berechenbar. Und erstaunlich wirkungslos.

Andere Kulturen gehen anders mit diesem Feld um. In der chinesischen Tradition gelten List, Maskierung und strategische Umwege nicht als moralischer Makel, sondern als Ausdruck von Intelligenz und Situationsverständnis. Die klassischen chinesischen Strategeme beschreiben genau diese Kunst: nicht frontal zu agieren, Kräfte umzulenken, sich zu verbergen, um Wirkung zu entfalten. Es ist kein Zufall, dass wir von chinesischen Akteuren oft freundlich, gelassen und schwer greifbar angelächelt werden.

Masken sind keine Täuschungen, sondern Übergangsformen von Kompetenz. Sie zeigen, wo Spielfreude, Einfluss und Gestaltungswille vorhanden sind. Nicht die Maske ist das Problem, sondern der fehlende kulturelle Rahmen, um mit ihr erwachsen umzugehen.


Taktik ist lebensnotwendig

Wer sich mit den klassischen chinesischen Strategemen beschäftigt, begegnet Bildern, die das westliche Moralverständnis bis heute irritieren. Doch zeitgemäßer – und für unsere Welt anschlussfähig – wird das Feld, wenn man sich den modernen Deutungen widmet, etwa jenen, die der Management‑Theoretiker Harro von Senger in die Wirtschaftswelt übertragen hat. Dort tragen die Strategeme bildhafte Namen wie „Die Stadt mit fremden Kräften erobern“, „Den Tiger vom Berg in die Ebene locken“ oder „Unter dem Bett den Speer schmieden". Formulierungen, die sofort eine Vorstellung davon erzeugen, wie Wirkung jenseits direkter Konfrontation entsteht.

Zwei reale Beispiele aus dem Business-Kontext zeigen, wie präzise diese Bilder funktionieren können: In einer internationalen Verhandlung wurde bewusst ein scheinbar nebensächliches Detail überbetont, um die Gegenseite in genau jene argumentative Linie zu locken, die man im Hintergrund längst vorbereitet hatte: ein klassisches „Tiger-vom-Berg“-Manöver. In einem anderen Fall ließ ein Konzernvorstand ein überdimensioniertes Projekt sichtbar weiterlaufen, während die eigentliche Weichenstellung im Stillen auf einer Nebenbühne stattfand: ein typisches Beispiel dafür, wie „unter dem Bett der Speer geschmiedet“ wird.

Solche Vorgehensweisen mögen im ersten Moment unaufrichtig wirken. Strategisch betrachtet sind sie schlicht realistisch: Sie erkennen die Dynamik von Feldern, Interessen und Kräften an und agieren nicht dagegen, sondern mit ihnen.

Diese Denkfiguren stammen aus der Kriegskunst und bilden heute den kulturellen Hintergrund vieler ostasiatischer Verhandlungs- und Führungsstile. Wettbewerb ist auch bei uns selbstverständlich. Konkurrenz wird akzeptiert. Was jedoch weitgehend fehlt, sind etablierte kulturelle Formen, um strategische Manöver gesellschaftsfähig zu machen. Wir wissen, dass Märkte hart sind, aber die Mechaniken dahinter tauchen selten in Fachliteratur oder Führungsausbildung auf. Stattdessen wird so getan, als ließe sich Wirkung allein über Transparenz, Werte und gute Absichten herstellen.

Der Bogen reicht jedoch weiter als ins Business. Das gesamte Leben ist strategisch. Jede Entscheidung priorisiert etwas, verschiebt Kräfte, setzt Hebel. Wegen der oben genannten Wertkonflikte beginnen wir aber ausgerechnet auf der sozialen Ebene, diese innere Schärfe zu dämpfen. Aus einem diffusen „Das macht man nicht“ heraus. Ungesund wird es dort, wo dieser Rückzug schematisch abläuft. Wo Menschen ihre strategische Wahrnehmung abschalten, um moralisch korrekt zu wirken. Ein bekanntes Beispiel sind soziale Berufsfelder: Gerade dort, wo Fürsorge, Idealismus und Beziehung im Vordergrund stehen, lassen sich Menschen wegen ihrer fehlenden geschärften Aufmerksamkeit besonders leicht ausbeuten. Als Folge sind die Arbeitsbedingungen oft härter als in der freien Wirtschaft, obwohl der Kontext offiziell „sozial“ ist. Komisch? Komisch.

Taktik ist nicht verwerflich. Sie ist lebensnotwendig. Sie entscheidet darüber, ob jemand handlungsfähig bleibt oder sich selbst verrät. Nicht die Taktik ist das Problem, sondern der unreflektierte Umgang mit ihr.


Zurück zu Klugheit, Taktgefühl und Entschiedenheit

Macht, Masken und Taktik verschwinden nicht, wenn man sie moralisch einhegt. Sie verschwinden nur aus der Sprache und wirken dann umso stärker im Verborgenen. Genau hier beginnt der Nutzen subkommunikativer Wahrnehmung: Sie macht jene Dynamiken sichtbar, die sich nicht freiwillig in Worte fassen lassen, aber das Verhalten aller Beteiligten prägen.

Ein gesellschaftsfähiges Parkett entsteht dort, wo diese Bewegungen gelesen werden dürfen. Wo Masken als Hinweise verstanden werden. Wo Macht nicht dämonisiert, sondern als Vektor kontextualisiert wird. Wo Taktik nicht beschämt, sondern bewusst geführt wird, weil klar ist, welche innere Spannung sie auslöst und welche Kompetenz sie eigentlich andeutet.

Subkommunikation liefert dafür den Zugang: Sie zeigt, was unterhalb der Argumente wirkt. Sie erlaubt Orientierung, bevor Rollen kippen. Sie macht Authentizität nicht zur Pflicht, sondern zur möglichen Folge innerer Klarheit. feuergold öffnet genau diesen Raum. Nicht, um Menschen zu entlarven oder Spiele zu zerstören, sondern um Wahrnehmung zu schärfen. Damit das, was ohnehin geschieht, wieder gestaltbar wird.

Nicht glatt. Nicht harmlos. Aber verantwortungsbewusst.

Benjamin Friedrich

Written by Benjamin Friedrich

Benjamin Friedrich arbeitet an den Stellen, an denen Worte nicht mehr ausreichen. Er verbindet Erfahrung aus Führung, Psychologie, nonverbaler Kommunikation und Innerer Arbeit zu einer ungewöhnlich präzisen Wahrnehmung für das, was unter der Oberfläche wirkt. Sein Schwerpunkt liegt auf Subkommunikation – den feinen Signalen, die Entscheidungen, Beziehungen und Führung tatsächlich steuern. Er begleitet Menschen in verantwortungsvollen Rollen, die sich an inneren Schwellen befinden und in komplexen Situationen Klarheit brauchen. Seine Arbeit richtet sich nicht auf Methoden, sondern auf Kohärenz: die Deckung zwischen innerer Haltung und äußerem Handeln. feuergold ist der Ausdruck dieser Haltung.

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