Hier geht es um jene, die sich selbst nicht ganz glauben. Die innerlich etwas festhalten, glätten oder überspielen – und genau dadurch inkongruent werden.
Was wir in solchen Momenten wahrnehmen, nennen wir oft „fehlende Authentizität“. Tatsächlich ist es etwas Präziseres: fehlende Kongruenz.
Präsenz ist Selbstkontakt, nicht Performance
Was wir als Präsenz wahrnehmen, ist kein bewusst erzeugtes Signal. Es ist der wahrnehmbare Ausdruck von Selbstkontakt.
Körpersprache, Körperspannung, Atem, Rhythmus, Pausen: all das gibt Einblick in das, was unter der Oberfläche wirkt. Nicht, weil es gezielt eingesetzt wird, sondern weil Systeme sich immer ausdrücken.
Der Körper lügt nicht. Er kommentiert.
Präsenz ist daher nicht gleichzusetzen mit Intention, Motivation oder Kontrolle über den eigenen Auftritt. Sie entsteht nicht durch Training allein, sondern durch die Fähigkeit, den eigenen inneren Zustand wahrzunehmen, auszuhalten und zu integrieren.
Der Irrtum: „Innen muss alles gut sein“
Ein zentraler Irrtum im Umgang mit Präsenz ist die Verwechslung von Integrität mit Positivität.
Viele Menschen glauben, sie müssten innerlich ruhig, souverän oder freundlich sein, um wirksam zu sein. In der Praxis führt dieser Anspruch oft zu innerer Zensur.
Unangenehme Regungen werden unterdrückt. Zweifel werden überspielt. Widersprüche geglättet.
Was nach außen entsteht, wirkt korrekt – aber hohl.
Man sieht das sehr deutlich in Casting‑Shows. Kandidaten mit technisch perfektem Gesang, sauberer Haltung und einstudierter Bühnenroutine scheiden oft früh aus. Andere, hörbar nervös, brüchig oder unfertig, bleiben – obwohl sie objektiv weniger beherrschen. Das Publikum reagiert nicht auf Leistung allein, sondern auf Stimmigkeit: innerer Zustand, Wahrnehmung des Publikums und Bühnensituation greifen ineinander.
Ein ähnliches Phänomen zeigt sich, wenn Künstler oder Entertainer den Kontext wechseln. Auf der Bühne wirken sie präsent, klar, getragen von einer bewusst gewählten Rolle. In Interviews oder politischen Statements kippt diese Wirkung mitunter abrupt, wenn dieselbe Rolle weitergespielt wird, obwohl weder der Kontext noch der innere Zustand dazu passen.
Es geht nicht darum, dass innen alles gut ist.
Es geht darum, dass innen alles in Ordnung ist – auch das Unklare, das Widersprüchliche, das Unangenehme.
Präsenz entsteht weder durch Vermeidung noch durch Expression, sondern durch bewusste Integration in die eigene Aufmerksamkeit.
Beispiel: Wut als Kraft oder als Leck
Wut ist ein gutes Beispiel für diesen Unterschied.
Menschen können sehr kraftvoll wirken, wenn sie zu ihrer Wut stehen und sie bewusst führen. Die Energie ist spürbar, die Grenze klar, der Ausdruck eindeutig. Dennoch müssen sie die Wut dazu nicht "rausschreien". Sie setzen ihre Energie ein.
Die gleiche Wut wirkt destruktiv, wenn sie nicht integriert ist:
In diesen Momenten kommuniziert der Körper etwas anderes als das Gesagte. Genau dort bricht Synchronisierung – und damit Wirkung.
Nicht die Wut ist das Problem, sondern die Unklarheit im Umgang mit ihr.
Wirkung entsteht nicht, sie ergibt sich
Wirkung ist nichts, was man herstellt. Sie ist auch nichts, was man besitzt.
Wirkung entsteht an einer Schnittstelle – dort, wo Innen und Außen zueinander in Beziehung treten.
Auf der einen Seite steht der innere Zustand: das, was tatsächlich da ist. Empfindungen, Spannungen, Klarheit oder Unklarheit. Nicht bewertet, nicht optimiert – sondern real.
Auf der anderen Seite steht das Gegenüber: mit seiner eigenen Wahrnehmung, Sensibilität und Erwartung. Wirkung entsteht nicht im Inneren allein, sondern immer im Kontaktfeld.
Dazwischen liegt der Kontext. Situation, Rolle, Zeitpunkt, Rahmen. Das, was in einem vertraulichen Gespräch stimmig wirkt, kann auf einer Bühne deplatziert sein. Und was in einer Krise trägt, kann im Alltag übergriffig wirken.
Wirkung ist das Ergebnis einer Synchronisierung dieser drei Ebenen – oder sie bleibt aus. Fehlt eine dieser Ebenen, entsteht Reibung. Nicht immer laut. Aber immer spürbar. Und je größer die äußere (öffentliche) Aufmerksamkeit, desto weniger verzeiht der Kontext innere Inkongruenz.
Sichtbar wurde das etwa im Rücktrittsprozess von Karl‑Theodor zu Guttenberg. In seinen Bundestagsreden und Auftritten versuchte er, Souveränität und Autorität zurückzugewinnen. Gleichzeitig saßen Nervosität und die Sorge um sein Amt sichtbar tief im Körper. Genau diese Spannung erzeugte ein Doppelsignal: Der Anspruch auf Kontrolle lief gegen eine innere Unsicherheit. Nicht der Inhalt machte ihn unglaubwürdig, sondern die wahrnehmbare Inkongruenz.
Einen klaren Kontrast dazu bot Christian Lindners Auftritt nach dem Abbruch der Jamaika‑Verhandlungen. Sein Satz „Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren“ war entschieden. Das zuvor von ihm beschriebene Ringen um eine Einigung blieb dabei nicht verborgen, sondern war im gesamten Körpertonus und in der Tonalität präsent. Innere Bewegung, äußere Klarheit und politischer Kontext griffen ineinander. Wirkung entstand nicht trotz, sondern wegen dieser Kongruenz.
Kongruenz ist keine Technik
Was wir heute oft mühsam erklären, haben wir früh gelernt zu spüren. Noch bevor wir Sprache hatten, wussten wir, wann etwas stimmig ist und wann nicht.
Präsenz ist kein Zusatz, den man sich aneignet. Sie ist auch kein Ausdruck besonderer Stärke.
Sie entsteht dort, wo jemand den eigenen inneren Zustand nicht verlässt, während er sich nach außen bewegt.
Hier setzt feuergold an.
Nicht, um Menschen präsenter zu machen. Sondern um den Blick für die richtige Stimmung, den richtigen Spannungsbogen zu schärfen. Für die feinen Verschiebungen zwischen Innen und Außen. Für das, was im Körper, im Tonfall, im Timing längst angelegt ist.
Wirkung folgt daraus. Nicht als Technik. Sondern als Konsequenz.
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